Kohleausstieg in NRW im deutschen und europäischen Kontext – Energiewirtschaft, Klimaziele und wirtschaftliche Entwicklung

DIW Berlin Politikberatung kompakt 129

2018

Szenarien zum Kohleausstieg und Klimaschutzwirkungen

Die weitgehende Reduktion bzw. der vollständige Ausstieg der CO2-intensiven Stromproduktion ist eine Bedingung für die Einhaltung der Klimaschutzziele in Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa. In NRW erfordert das Klimaschutzgesetz für 2050 eine Emissionsverminderung von 80-95% (Basis: 1990); Deutschland hat sich seit dem Energiekonzept von 2010 auf eine 40%-ige Minderung der Treibhausgasemissionen bis 2020 verpflichtet, welche nach aktuellem Stand weit verfehlt wird (ca. 35,5% werden nach aktuellem Stand erreicht); auch das Ziel einer 55%-igen Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2030 ist ohne eine weitgehende Reduktion der CO2-Emissionen der Energiewirtschaft, mindestens 61% gegen über 1990, nicht zu erreichen. Diese Studie analysiert die Auswirkungen eines Kohleausstiegs im Land Nordrhein-Westfalen und in Deutschland im europäischen Kontext, sowohl in Bezug auf die Energiewirtschaft und Klimaschutzziele als auch in Bezug auf den Strukturwandel und die wirtschaftliche Entwicklung.

Die Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle war im Jahr 2016 mit 240 Mio. t CO2 für mehr als ein Viertel der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Unter den Bundesländern ist Nordrhein-Westfalen mit ca. 140 Mio. t CO2 der mit Abstand größte CO2-Emittent. Mit 7 GW Steinkohle- und 10 GW Braunkohlekraftwerken ist NRW auch das mit Abstand größte Bundesland bei Steinkohle (28% der deutschen Kraftwerkskapazitäten) bzw. Braunkohle (50%). Der Kohleausstieg in NRW muss daher im Rahmen eines deutschlandweiten Kohleausstiegs geplant und durchgeführt werden: Deutschlandweit ist es möglich, mit der Abschaltungvon Kohlekraftwerken bzw. der Reduktion der Betriebsdauer besonders CO2-intensiver Braunkohlekraftwerke das sektorale Klimaschutzziel für 2020 sowie die Ziele für 2030 noch zu erreichen. Hierfür ist eine Reduktion der Steinkohlekapazitäten von derzeit 16 GW auf 8 GW im Jahr 2030 notwendig, Braunkohlekraftwerke sollten bis zum Jahr 2030 abgeschaltet werden.

Versorgungssicherheit in allen Szenarien gewährleistet

Die Versorgungssicherheit im deutschen und europäischen Stromsystem ist trotz des weitgehenden Kohleausstiegs auch im Jahr 2030 gewährleistet. Szenariorechnungen mit dem europäischen Stromsektormodell dynELMOD zeigen, dass auch in Extremsituationen die gesamte Nachfrage 2030 aus einer Kombination aus verfügbaren konventionellen Kraftwerken, erneuerbaren Energien, Speichern sowie dem europäischen Stromaustausch bedient werden kann. Auch ein Vergleich (methodisch überholter) nationaler Leistungsbilanzen zeigt anhand einer repräsentativen Betrachtung des Jahres 2023 ein hohes ausreichendes Maß an Versorgungssicherheit.

Tagebaue Garzweiler und Hambach bei Kohleausstieg in NRW nur geringfügig benötigt

Im Bereich der Braunkohle werden dazu zunächst ältere und damit im Durchschnitt emissionsintensivere Kraftwerke stillgelegt. Dabei werden die Stilllegungen gleichmäßig auf die drei deutschen Braunkohlereviere verteilt. Dies bedeutet für das rheinische Revier in Nordrhein-Westfalen, dass im mittleren Pfad bis auf drei vergleichsweise neue Kraftwerksblöcke in Niederaußem (K, BoA 2, BoA 3) und Neurath D alle Braunkohlekraftwerke bis spätestens 2025 stillgelegt werden. Im Falle des schnellen Ausstiegs werden lediglich die zwei modernsten Blöcke in Niederaußem (BoA 2 und 3) bis 2030 betrieben. Die Ausstiegspfade für Steinkohlekraftwerke in NRW sehen eine schrittweise Schließung zwischen 2030 und 2040 (mittleres Szenario) bzw. zwischen 2020 und 2040 (schneller Ausstieg) vor.

Der Tagebau Garzweiler II wird im Szenario eines schnellen Kohleausstiegs bis zum Jahr 2030 nur bis zur Autobahn A61 abgebaut; hierdurch wird insgesamt ungefähr nur ein Fünftel der im Rahmenbetriebsplan genehmigten Kohlemengen benötigt und in Anspruch genommen (150 Millionen Tonnen Braunkohle): In diesem Fall müssen die Dörfer Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath, welche in den laufenden Abbauplänen berücksichtigt sind, nicht mehr weichen. Der Braunkohletagebau in Hambach beschränkt sich in dem schnellen Ausstiegspfad auf 230 Millionen Tonnen, insb. für die Kraftwerke Neurath und Niederaußem. Durch die Verringerung der benötigten Kohlemenge könnte auch auf die Rodung des wegen Naturschutzes schützenswerten Hambacher Waldes verzichtet werden.

Günstige Perspektiven für regionalwirtschaftlichen Strukturwandel in NRW

Sowohl die Steinkohle- als auch die Braunkohlewirtschaft in Deutschland sind seit Jahrzehnten stark rückläufig, sodass der verbleibende Strukturwandel bis zum endgültigen Kohleausstieg relativ geringe Ausmaße annimmt; dennoch muss er in den besonders betroffenen Regionen aktiv gestaltet werden. Der Steinkohletagebau in NRW endet im Dezember 2018 mit der Schließung der letzten beiden Gruben (Prosper-Haniel und Ibbenbüren). Von den 1957 mehr als 542.000 direkt Beschäftigten sind heute nur noch ca. 5.700 Arbeitsplätze erhalten. In der Braunkohlewirtschaft in NRW sind von vormals 26.400 Beschäftigten heute noch 8.900 direkte Arbeitsplätze vorhanden.

Die Rahmenbedingungen für den verbleibenden Strukturwandel im Kontext des Kohleausstiegs in NRW sind günstig: Zum einen sind bereits zwei Drittel der Beschäftigten älter als 46 Jahre und somit zum Zeitpunkt des Kohleausstiegs im Rentenalter. Für einen Großteil der verbleibenden MitarbeiterInnen gibt es Anschlussbeschäftigungen, u.a. in der Tagebaurekultivierung und dem Kraftwerksrückbau. Auch die Möglichkeiten, eine der Berufsgruppe vergleichende Tätigkeit in anderen Wirtschaftsbereichen innerhalb der Region zu finden, sind in NRW günstig, u.a. in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Mechatronik, Energie- und Elektroberufen. Allein der Zubau an Photovoltaik (Photovoltaik von ca. 15 GW bis 2030 entspricht einem Beschäftigungseffekt von ca. 3.000 Vollzeitäquivalente (VZÄ)) sowie Windkraftanlagen (18 GW bzw. 5.000 VZÄ) können die wegfallenden Arbeitsplätze der Braunkohleindustrie auf NRW Ebene überkompensieren.

Unternehmerischer Strukturwandel: RWE benötigt Trennmodell

Der unternehmerische Strukturwandel beim größten Energieversorger und CO2-Emittenten in NRW, RWE, muss bei einem Kohleausstieg ebenfalls voRWEggedacht werden. Durch die Rücknahme der vormaligen Erneuerbarensparte Innogy sowie den Zukauf des Erneuerbarengeschäfts von E.on möchte RWE eine Spitzenreiterrolle im Bereich erneuerbare Energien erreichen. Vor diesem Hintergrund birgt die aktuelle Unternehmensstruktur erhebliche Risiken aufgrund des unterfinanzierten Rückbaus von Atomkraftwerken sowie unsicheren Folgekosten vom Stein- und insb. Braunkohleausstieg (Rückbau, Renaturierung, Ewigkeitskosten, etc.). Daher müssen zeitnah Trennmodelle für den RWE diskutiert werden, um die strategische Ausrichtung des Konzerns auf erneuerbare Energien zu sichern und gleichzeitig die verfügbaren Rückstellungen für Folgekosten aus dem Braunkohle- und Atomgeschäft adäquat zu verwenden, z.B. die getrennte Überführung in einen Atomfonds für Rückbau und eine separate Lösung für die Ewigkeitskosten der Braunkohle.

Insitute

  • DIW Berlin

Employer

DIW Berlin, Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt (EVU), Technische Universität Berlin, Fachgebiet Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP)